Isha L’Isha Haifa: Feminismus durch Vielfalt und Toleranz gekennzeichnet

01.01.2017 - Milena Rampoldi

Isha L’Isha Haifa: Feminismus durch Vielfalt und Toleranz gekennzeichnet

Khulud Khamis, Koordinatorin vom Isha L’Isha – Haifa Feminist Center, erzählt wie das Zentrum eingerichtet wurde, über seine Struktur und die Hauptbereiche, mit denen es sich befasst. Ziel dieses Interviews ist es, aufzuzeigen, wie wichtig der Feminismus in allen Kulturen, Religionen und Gemeinschaften ist und dass es nur einen Feminismus geben kann, der durch Vielfalt und Toleranz gekennzeichnet ist. 

Das Ziel von Isha L’Isha’s besteht in der Förderung des Status und der Rechte von Frauen und Mädchen und des Friedens, der Sicherheit und der sozio-ökonomischen Gerechtigkeit aus feministischer Perspektive durch Bildung, Forschung, Verbreitung von Wissen, Förderung der Gesetzgebung und öffentliche Veranstaltungen. Mit der Gründung im Jahre 1983 sind wir die älteste feministische Organisation in Israel und eine der führenden Stimmen der Frauenrechte im Lande. Wir bieten Frauen ein sicheres, unterstützendes Umfeld, in dem sie ihre Bedürfnisse ansprechen können und Raum für Selbstdarstellung und Entwicklung haben. Parallel dazu arbeitet Isha L’Isha auf nationaler Ebene und setzt sich für die Rechte der Frauen in allen Bereichen ein. Im Laufe der Jahre haben wir tausende von Frauen stark gemacht und ihnen die Kompetenz vermittelt, die Kontrolle über ihr Leben zu erlangen. Derzeit gehören zu unseren Haupttätigkeiten die Bekämpfung des Frauenhandels und der Prostitution; Frauen und Medizintechnik und der Aufbau einer starken und selbstbewussten Gemeinschaft von Frauen. Wir beherbergen auch das feministische Institut Haifa mit der Aufgabe, die Geschichte des feministischen Aktivismus in Israel von 1970 bis heute zu erfassen und zu dokumentieren, um den sozialen und politischen Beitrag der Frauen sichtbar zu machen und zukünftige Generationen zu inspirieren. Unser Ziel ist eine Gesellschaft, in der alle Frauen – unabhängig von Religion, ethnischer Herkunft oder kulturellem Hintergrund – in allen Bereichen, einschließlich des wirtschaftlichen, sozialen oder politischen, gleichberechtigt sind; eine Gesellschaft ohne geschlechtsspezifische Gewalt; eine Gesellschaft, in der die Stimmen der Frauen gehört werden und in denen Frauen einen vollen und gleichberechtigten Zugang zu allem haben.

Organisationsstruktur: Isha L’Isha ist eine nicht-hierarchische Mitgliedsorganisation, die von einem Kollektiv geleitet wird, das alle seine Mitglieder einschließt und allen Frauen offen steht. Unsere Mitglieder sind jüdische Mizrahi- und Ashkenazy-Frauen, palästinensische Frauen, die Bürgerinnen Israels sind, lesbische Frauen, transsexuelle Frauen, Frauen aus schwierigen sozio-ökonomischen Verhältnissen, Forscherinnen, Leiterinnen von Gemeinden und Aktivistinnen. Das Kollektiv trifft sich einmal im Monat, um ideologische Fragen zu diskutieren und langfristige Strategien festzulegen. Alle Entscheidungen werden im Konsens in diesen Sitzungen getroffen. Das Kollektiv ist einer der einzigartigen Aspekte, der Isha L’Isha zu einer Basisorganisation macht. Unsere Beschäftigten arbeiten alle in Teilzeit und für dasselbe Grundgehalt. Ein weiterer einzigartiger Aspekt von Isha L’Isha ist die Betreuung unserer Angestellten. Jeder Mitarbeiter erhält individuelle Betreuung von einem Veteranenmitglied, das mit all unseren Aktivitäten und Prozessen vertraut ist. Sie treffen sich regelmäßig, um Probleme im Zusammenhang mit der Arbeit und den interpersonalen Beziehungen zwischen den Mitarbeitern zu diskutieren und monatliche Arbeitspläne auf der Grundlage spezifischer Bedürfnisse und Entwicklungen zu entwerfen. Wir haben ungefähr 100 Mitglieder, und sie werden gebeten, jedes Jahr eine kleine Gebühr zu bezahlen, jedoch haben wir niemals einer Frau die Mitgliedschaft verweigert, weil sie nicht zahlen konnte (oder sie aus anderen Gründen ausgeschlossen). Die Mitglieder werden dazu ermutigt, aktiv und freiwillig am Projektleitungskomitee, an den Ausschüssen für besondere Veranstaltungen und dem Vorstand teilzunehmen. Jedes Projekt hat einen Lenkungsausschuss, der aus dem Koordinator und den Mitgliedern von Isha L’Isha besteht. Die Lenkungsausschüsse treffen sich regelmäßig, um die Fortschritte und Schwierigkeiten der Projekte zu diskutieren und Entscheidungen über zukünftige Tätigkeiten zu treffen. Wir haben auch einen Finanzausschuss, der sich alle zwei Monate trifft, um die finanziellen Aspekte der Organisation zu verfolgen und den Vorstand zu beraten. Freiwillige Mitarbeiter sind entscheidend für die Organisation; sie sitzen im Vorstand und planen Lenkungsausschüsse, wo sie an Entscheidungen teilnehmen und in der täglichen Arbeit der Organisation aktiv sind.

Wann nahm die Bewegung ihren Anfang? Und welcher „Funke“ entzündete sie?

Unsere Bewegung geht auf die „zweite Welle“ des israelischen Feminismus in den 1970er Jahren zurück. Viele feministische Organisationen wurden in diesen Jahren gegründet, aber nur wenige überlebten und haben radikale Ideen erfolgreich umgesetzt. Diese Bewegung war ursprünglich Teil der weltweiten feministischen Leidenschaft der 1960er und 1970er Jahre. Vor Ort sprang der Funkt über, weil die Frauen von der staatlichen Propaganda über den idealen Status der Frauen in Israel enttäuscht waren. So war die Einrichtung des feministischen Zentrums Isha-L’Isha- Haifa die logische Folge des Basisaktivismus der Feministinnen und eine Antwort auf die Bedürfnisse feministischer, jüdischer und palästinensischer Frauen in Israel.

Welche sind die wichtigsten Forderungen, die Ihre Bewegung stellt? An wen stellen Sie diese Forderungen? (z.B. Regierungen, Körperschaften, internationale Gremien, Konzerne, andere Akteure, die Gesellschaft insgesamt)?

Die wichtigsten Forderungen der letzten Jahre sind die Gesundheit der Frauen, die Sexualität, der wirtschaftliche Wohlstand, Staatsbürgerschaft und Status, sowie die Sicherheit. Zu unseren aktuellen Projekten gehören die Bekämpfung des Menschenhandels, die Rechte von Frauen mit Behinderungen, die politischen und moralischen Auswirkungen der Reproduktionstechnologien und die Abtreibungsrechte. Im ökonomischen Bereich fordern wir das Recht auf Erwerbstätigkeit, den Schutz vor wirtschaftlicher Gewalt und rassistischer, alters- und klassenbedingter Diskriminierung. Schließlich haben wir als Teil unseres kontinuierlichen Kampfes für Frieden und Konflikttransformation und im Einklang mit der Resolution 1325 der Vereinten Nationen versucht, integrative Definitionen der Sicherheit zu verbreiten und die unsichtbaren Unsicherheiten von Frauen, Mädchen und Minderheiten hervorzuheben. Unsere Adressaten sind Behörden (die Polizei, lokale Gemeinden oder Ministerien) und die öffentliche Meinung. Aber am meisten arbeiten wir mit Frauen und Mädchen über Empowerment Sitzungen, Kurse und offene Diskussionen.

Welche sind die wichtigsten Ideen und Konzepte, die von/in Ihrer Bewegung verwendet wurden? Und wie definieren Sie diese?

Wir befürworten eine intersektionale, radikal-feministische Perspektive, die genderspezifische Ungerechtigkeiten als eingebettet in die lokale Besatzungsgeschichte, Militarisierung und ein rassistisches nationales Erbe der jüdischen, westlichen und heterosexuellen Vorherrschaft sieht. Dementsprechend engagieren wir uns für eine gleichwertige Selbstvertretung der palästinensischen, lesbischen, Mizrahi- und Ashkenazy-Frauen während unserer Projekte, Diskussionen und öffentlichen Äußerungen.

Wo ist Ihre Bewegung aktiv?

Isha L’Isha befindet sich in Haifa, dem Zentrum vieler feministischer Aktivisten und verschiedener feministischer Organisationen. Wir leiten Basistätigkeiten auf örtlicher Ebene, aber unsere Reichweite ist national, denn wir arbeiten auch daran, das Bewusstsein und die Interessenvertretung zu stärken und nehmen an verschiedenen Regierungsausschüssen teil, um Gesetzesänderungen voranzutreiben, die Frauen und anderen entrechteten Gruppen zugutekommen.

Welche Haupterfolge haben Sie bereits als Bewegung erzielt?

Unsere Errungenschaften betreffen vor allem die Veränderung der öffentlichen Meinung über Fragen rund um das Leben von Frauen, wie die Gewalt gegen Frauen. Es handelt sich hierbei um langfristige Veränderungen, die oft nur im Nachhinein sichtbar werden. Zwei wesentliche Bereiche, in denen wir direkten Einfluss auf den Gesetzeswandel und das Leben der Frauen hatten, sind die Beseitigung des Frauenhandels und die Frage der Fruchtbarkeitsrechte. Insbesondere im Frauenhandel ist Isha L’Isha die führende Kraft hinter den Gesetzesänderungen sowie Veränderungen in der Behandlung von Frauen seitens der Behörden, vor allem der Polizei.

Was würde ihre Bewegung stärken?

Finanzielle Stabilität könnte wesentlich zu unserer Bewegung beitragen. Sichtbarkeit und eine starke öffentliche Stimme könnten die Veränderungen in unserer Gesellschaft beeinflussen.

Wie definiert Ihre Bewegung die Solidarität? Wie würde mehr Unterstützung und Solidarität für Ihre Bewegung aussehen?

Solidarität bedeutet für uns in erster Linie die Fähigkeit, über nationale, ethnische, klassen- und sexuelle Unterschiede hinaus zu arbeiten. Die Solidarität zwischen palästinensischen und jüdischen Frauen ist das Kernstück unseres Aktivismus. Wir sehen uns als Teil einer Widerstandsbewegung gegen die Unterdrückung und würde sehr davon profitieren, wenn unsere Gesellschaft weniger zersplittert und weniger rassistisch wäre.

Wo kann man mehr über Ihre Bewegung erfahren?

Im Jahre 2007 haben wir einen Artikel über die Teilnahme unserer Organisation an allen nationalen, feministischen Konferenzen und die Implementierung eines Systems der gleichberechtigten Vertretung in der Awid-Publikation „Aufbau feministischer Bewegungen und Organisationen“ veröffentlicht. Wir laden Sie ein, unsere Webseite www.isha.org.il  und unsere Facebookseite zu besuchen. Sie können uns gerne für jede Zusammenarbeit oder Informationen über unsere Entwicklungs- und Outreach Koordinatorin bei isha.haifa[at]gmail.com kontaktieren.

Deutsche Übersetzung von Beyza Ünver

Kategorien: International, Interviews, Menschenrechte, Mittlerer Osten, Nichtdiskriminierung
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