Gonzo-Journalismus, ein Gespräch mit Kit O´Conell

14.12.2016 - Milena Rampoldi

Gonzo-Journalismus, ein Gespräch mit Kit O´Conell
(Bild von ProMosaik)

Milena Rampoldi von ProMosaik im Gespräch mit dem US-Journalisten Kit O’Connell über sein neues Portal Gonzo Notes. Der Gonzo-Journalismus ein innovatives Experiment, das sich mit dem Thema der journalistischen Objektivität und Subjektivität auseinanderzusetzt.

Was ist Gonzo-Journalismus und was bedeutet dieser für dich persönlich?

Kit O‘ Connell: Hunter S. Thompson, der Verfasser des Werkes „Fear & Loathing In Las Vegas“ (deutscher Titel: Angst und Schrecken in Las Vegas) und zahlreicher anderer Bücher, kreierte den Begriff des „Gonzo-Journalismus“, obwohl diese Praxis historisch weiter zurückliegt. Ein großartiges Beispiel des frühen Gonzo-Journalismus ist Nelly Bly, die sich im Jahre 1887 in eine psychiatrische Anstalt einliefern ließ, um die furchtbare Behandlung der Patienten zu erörtern. Ken Kesey ist ein anderer berühmter Journalist dieser Richtung, obwohl er eine Variante mit der Bezeichnung „New Journalism“ praktizierte.

Der Gonzo-Journalismus ist ein Journalismus, der die Idee der Neutralität und Objektivität zurückweist. Ich bin vor allem Aktivist, und erst an zweiter Stelle Journalist, auch wenn der Journalismus mir die Möglichkeit gibt, meine Rechnungen zu bezahlen und mit meinem Aktivismus weiterzumachen. Für mich ist der Journalismus eine Möglichkeit, um wesentliche Wahrheiten aufzuzeigen und zu versuchen, das Wissen zu teilen, gemäß dem wir eine bessere und menschlichere Welt aufbauen sollen.

Welche Hauptthemen wirst du auf deinem neuen Portal behandeln?

Ich blogge seit 2008 auf kitoconnell.com, und nun möchte ich wieder damit anfangen, originale Schriften auf dieser Seite zu veröffentlichen. Ich fokussiere im Besonderen auf Menschenrechte, soziale Gerechtigkeit und übersehene Geschichten über marginalisierte Gruppen von Menschen. Im Moment arbeite ich gerade an einer Geschichte lesbischer Frauen, die eine Kunstgalerie im ländlichen New Hampshire aufbauen. Des Weiteren arbeite ich an einer Recherche über wie obdachlose Jugendliche bei der University of Texas in Austin benachteiligt werden. Im Moment habe ich viele Interessengebiete, aber ich glaube, dass die Recherchen über die Überlebensstrategien von Menschen und ihre Leiden im Spätkapitalismus einen roten Faden darstellen.
Vor kurzem habe ich die Mailingliste „Gonzo Notes“ lanciert, die Interessierte kostenlos abonnieren können (kitoconnell.com/mailinglist). Ich habe auch ein Patreon-Konto eingerichtet (patreon.com/kitoconnell). Nach Januar werde ich keinen Vollzeitjob mehr haben. Daher werde ich von der Unterstützung meiner Arbeit durch meine LeserInnen abhängen. Ich hoffe zahlreiche Schriftstücke mit einer Lizenz von Creative Commons zu veröffentlichen, damit sie frei geteilt und wiederveröffentlicht werden können.

Welchen Beitrag denkst du kann der Gonzo-Journalismus zum alternativen Journalismus leisten?

Der Gonzo-Journalismus ist an sich schon eine Form des alternativen Journalismus. Ich bin der Meinung, dass die Menschen sich vor allem deshalb von den Mainstream-Medien distanzieren möchten, weil sie die Nachrichten unmittelbarer erleben möchten, wie sie auch normale Menschen erleben. Die traditionellen Journalisten behalten Klarheit und Distanz bei, die meiner Meinung nach auch ihren Wert haben, aber viele LeserInnen wünschen sich auch die Direktheit des Gonzo-Journalismus.

Die Proteste sind ein perfektes Beispiel dafür. Die Fernsehnachrichten hier in den USA ignorieren entweder die Volksproteste oder stellen die Demonstranten als uneffektiv, chaotisch und sogar gefährlich anstatt als aussagekräftig dar. Ein Gonzo-Journalist kann hingegen die Erfahrung bringen, selbst mitten drin in dem Protest zu sein. So versetzt er LeserInnen in die Lage, die Ursache der Auflehnung nachzuvollziehen.

Warum ist Objektivität im Journalismus unmöglich?

Alle Journalisten haben ihre Vorurteile. Vorurteile gehören einfach zur conditio humana. Der traditionelle Journalismus weist diese Art von Journalismus im Allgemeinen ab und erklärt sich als „objektiv“. Aber jeder Journalist bringt seine eigenen Ansichten in einer Geschichte ein. Dasselbe gilt auch für den Redakteur, Herausgeber, die Sponsoren und Anzeigenkunden. Hier in den USA behaupten sowohl MSNBC als auch Fox News, zwei der größten TV-Nachrichtennetzwerke von sich, sie würden neutralen Journalismus anbieten, aber sie zeigen beide in eine oder die andere Richtung, entweder die der Demokraten oder die der Republikaner.

Als Gonzo-Journalist lege ich meine Vorurteile auf den Tisch. Ich sage allgemein, dass ich mich für Menschenrechte und Gleichheit einsetze. Ich hoffe, dass meine LeserInnen wissen, dass die Menschen für mich immer an erster Stelle stehen, auch wenn es für einen Politiker oder eine Gesellschaft unbequem erscheint.

Wie können die Ansichten verschiedener Journalisten aus verschiedenen Kulturen und Religionen die journalistische Arbeit verbessern?

Wir sind alle Menschen, aber jede(r) von uns erlebt einen einzigartigen und anderen Aspekt jener menschlichen Erfahrung. Ich habe immer versucht, mir neue Quellen aus anderen Regionen der Welt anzusehen, beispielsweise das öffentliche Radio in Kanada oder BBC. Es ist faszinierend und inspirierend zu hören, wie Mainstream-Journalisten aus Kanada über unseren neu gewählten Präsidenten sprechen. Natürlich haben uns auch die sozialen Medien wundervolle, innovative Möglichkeiten eröffnet, um andere Kulturen zu erreichen. Ich finde es großartig, dass ich einem Reporter folgen kann, der Tausende von Kilometern weit weg von mir tätig ist.

Natürlich verwandeln auch die Smartphones irgendwie alle in Bürgerjournalisten. Wenn man Zeuge wichtiger Ereignisse ist, braucht man nur einen Livestream zu erstellen oder auf Twitter zu veröffentlichen. Einige Reporter sehen dies als Bedrohung, ich hingegen finde es ein extrem befreiendes Potential für die Menschheit. Es ist natürlich auch mit einer riesigen Verantwortung verbunden, der wir vielleicht als Spezies noch nicht gewachsen sind.

Wie reagieren die LeserInnen auf den Gonzo-Journalismus?

Ich habe definitiv den Gegenwind von Menschen erlebt, die sich mit dem konventionellen Journalismus besser fühlen. Da immer mehr Menschen die Vorurteile des Mainstream-Journalismus erkennen, denke ich, dass die Nachfrage nach einer anderen Art von Nachrichten steigt. Und jedes Mal jemand die Art zu schreiben, verwirft, die ich befürworte, gibt es viel mehr Menschen, besonders Interviewpartner, die mir sagen, dass ich eine Geschichte besser gebracht habe als jeder andere. Im Moment gibt es ein großes Misstrauen gegenüber den Medien. Ich denke, dass die Ehrlichkeit über unsere Vorurteile eine Möglichkeit darstellt, um jenes Vertrauen neu aufzubauen. Ich habe eine kleine, stetig wachsende Anzahl von Menschen, die auf meine Stimme und die einzigartigen Geschichten, die ich teile, vertrauen.

Kategorien: Internationale Angelegenheiten, Interviews, Kultur und Medien
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