Die Stolen Generation im heutigen Australien

25.11.2016 - Gesellschaft für bedrohte Völker

Dieser Artikel ist auch auf Griechisch verfügbar.

Die Stolen Generation im heutigen Australien
Demo von betroffenen Aboriginal-Familien der „Stolen Generation 2.0“ während des G20-Gipfels in Brisbane im November 2014. (Bild von © Padraic Gibson)

Australien blickt auf eine traurige Geschichte zurück: Während des 20. Jahrhunderts wurden viele Aboriginal-Kinder aus ihren Familien gerissen, um sie zwangsweise zu assimilieren. Diese Schicksalsgemeinschaft wird als „Stolen Generation“ (Gestohlene Generation) bezeichnet. Doch auch heute sind mehr als 16.000 Aboriginal-Kinder in Betreuungseinrichtungen untergebracht. Das sind mehr als ein Drittel aller Pflegekinder im australischen Betreuungssystem, obwohl die Aboriginal People gerade drei Prozent der Gesamtbevölkerung ausmachen.

Nie wurden mehr Aboriginal-Kinder aus ihren Familien genommen als heutzutage. Die häufigste Begründung für den Kindesentzug ist „Vernachlässigung“. Dabei ist die Armut in den Aboriginal-Gemeinschaften jedoch ein Ergebnis davon, dass sie über Generationen vom Staat vernachlässigt und systematisch diskriminiert wurden.Kinder werden von ihren Müttern getrennt, die einerseits häuslicher Gewalt ausgesetzt sind, während andererseits Frauenhäuser wegen der Kürzung staatlicher Mittel geschlossen werden. Kinder werden aus überfüllten Wohnhäusern oder von obdachlosen Eltern fortgeholt, während sich die Regierung gleichzeitig weigert, neue Häuser zu bauen oder sogar dazu übergeht, ganze Aboriginal-Gemeinden zu schließen. Der schändliche Zustand des Rechtshilfewesens führt dazu, dass viele Aboriginal-Eltern gerichtlich nicht gegen Vorwürfe vorgehen können, die gegen sie erhoben werden.

Die folgenden beiden Aussagen stammen von Aboriginal-Frauen aus dem Northern Territory, denen Kinder bzw. Enkel entzogen wurden.


Aboriginal-Mutter aus Alice Springs, Northern Territory

Meine Kinder wurden mir im März 2014 vom NT Department of Children and Families (Ministerium für Kinder und Familien/DCF) gewaltsam weggenommen und erst nach acht Monaten in meine Obhut zurückgegeben. Dieser Kindesentzug war vollkommen ungerechtfertigt. Die Vorwürfe gegen uns wurden nie gerichtlich untersucht. Ich habe schließlich meine Kinder zurückbekommen, nachdem das DCF seinen Versuch zurückgezogen hatte, mir das Sorgerecht für zwei Jahre zu entziehen. Angestellte des DCF hatten die Gesundheit meiner Kinder in Frage gestellt. Meine zwei Jahre alte Tochter sei untergewichtig. Nachdem mir die Kinder weggenommen worden waren, konnte ich mit einem ärztlichen Gutachten nachweisen, dass die Anschuldigungen absolut falsch waren. Das DCF wollte das Gutachten nicht akzeptieren, obwohl die Behörde selbst keines für ihre Anschuldigungen vorweisen konnte.

Die Polizei kam ohne jegliche Vorwarnung mit den Leuten vom DCF zu mir und wollte meine zweijährige Tochter mitnehmen. Als ich mit ihnen diskutieren wollte, bedrohten sie mich mit Pfefferspray, das sie auf mein Gesicht richteten, während ich meine Tochter auf dem Arm hielt. An das „beste Interesse des Kindes“ hat an diesem Tag niemand gedacht. Meine Tochter weinte, als man sie mir wegnahm. Zwei meiner anderen Kinder wurden von der Schule weggeholt – ohne meine Genehmigung, ohne mein Wissen. Die Zeit ohne meine Kinder war für meine Familie traumatisch. Sie waren in einer Fürsorgeeinrichtung, deren Personal im Schichtdienst arbeitete. In dieser ganzen Zeit hatten meine Kinder mehr als 30 verschiedene Betreuer. Der Kontakt zu meinen Kindern war stark eingeschränkt und fand nur unter Überwachung statt. Ich wurde wie eine Kriminelle behandelt.

https://www.flickr.com/photos/hwmobs/25395695040/

Aboriginal-Kinder um 1900: Anfang des 20. Jahrhunderts setzte Australien ein perfides System in Kraft. Indigene Kinder wurden ihren Familien und Gemeinschaft gewaltsam entrissen, um sie ihrer Kultur zu berauben und sie zu assimilieren. Auch heute noch müssen Aboriginal People um ihre Kinder bangen, die Stolen Generation 2.0 wurde „geboren“. Foto: Flickr/Public Domain

Das DCF wollte erreichen, dass mir meine Kinder zwei Jahre lang entzogen werden. Die Anhörung wurde erst sechs Monate nach dem Kindesentzug angesetzt. Erst dann hatte ich die Möglichkeit, meine Sicht der Dinge vor einem Amtsrichter zu schildern. Zum Glück hatte ich einen guten Anwalt, der nach anderen Wegen suchte. Ich glaube, wenn ich mit meinen Anwälten bei der Aboriginal-Rechtshilfe (ALS) nicht so hartnäckig gewesen wäre, hätten sie mich nicht so gut vertreten. Anfangs schlugen sie mir vor, dass ich meine Kinder am ehesten wieder zurückbekomme, wenn ich mit der Behörde zusammenarbeite und ihre Anweisungen befolge. Aber ich habe verlangt, dass die Rechtshilfe diese Anweisungen anficht. Viele andere Aboriginal People in meiner Lage verfügen nicht über mein Selbstvertrauen oder meine Kommunikationsfähigkeit. Sie hätten dieses Ergebnis vielleicht nicht erreicht.

Die Behörde bekämpfte unseren Versuch, die Kinder bei meiner Familie unterzubringen, während wir auf die Anhörung vor Gericht warteten. Meine Schwester ist Grundschullehrerin und sie war bereit, die Kinder aufzunehmen. Sie nahm sich sogar frei, um dies dem Amtsrichter vor Gericht zu erklären. Aber die Behörde weigerte sich und bestand darauf, dass die Kinder bei der Fürsorge bleiben sollten. Nach einem gescheiterten Mediationsverfahren ordnete der Amtsrichter dann glücklicherweise an, dass die Kinder bis zur Anhörung bei meiner Schwester bleiben konnten. Letztlich beschloss das DCF, die Anschuldigungen gegen mich fallenzulassen. Nun sind meine Kinder wieder bei mir.

Ich glaube, dass meine Familie nur deshalb Opfer des DCF wurden, weil wir Aboriginal People sind. Während meiner Verhandlungen mit der Behörde kam ich zu dem Schluss, dass die Beamten dort arrogant, verlogen und rassistisch sind. Sie waren dort mehr daran interessiert, ihre falschen Entscheidungen zu rechtfertigen und ihre Fehler zu vertuschen als daran, meiner Familie zu helfen.

Die Geschichte der Stolen Generation wiederholt sich. Jeden Tag erleiden Aboriginal-Familien das, was auch ich durchgemacht habe. Diese armen Familien tun mir leid. Sie haben das Gefühl, dass sie sich nirgendwohin wenden können, dass niemand ihnen hilft. Manche fangen an zu trinken, weil sie sich so hilflos fühlen. Sie sind Opfer, genau wie ich.


Aboriginal Großmutter aus dem Land der Warlpiri, Northern Territory

Ich bin eine Warlpiri-Großmutter, die sich um zwei ihrer Enkel gekümmert hat, bis sie mir 2013 vom DCF weggenommen wurden. Ich habe mich zusammen mit meinem Mann bereits um die beiden gekümmert, als sie noch Babys waren. Uns haben Angehörige und auch andere Kinder unterstützt, die wir auch großgezogen haben.

Eines Tages kam ich nach Hause. Meine Enkelin war sehr verzweifelt. Sie erklärte mir in meiner Sprache, dass „die weißen Leute die Kinder aus der Schule fortgeholt“ hätten. Ich hatte keine Ahnung, dass das DCF die Kinder holen würde. Sie haben nie mit mir darüber gesprochen.

Nicht allen Aboriginal-Kindern ist es vergönnt, unbeschwert aufzuwachsen. Einige werden ihren Familien unter fadenscheinigen Gründen weggenommen, um sie in staatliche Betreuungseinrichtungen oder zu Pflegefamilien zu schicken. Foto: kerriekerr via iStock

DCF-Mitarbeiter und Angestellte anderer Sozialdienste haben Beurteilungen über mich abgegeben, die ich widerlegen konnte. Sie konnten mit uns nicht richtig kommunizieren. Sie haben sich gar nicht erst bemüht, uns zu verstehen. Sie wussten nicht, woher diese Kinder kommen, dass wir die Kinder lieben und uns um sie kümmern. So viele Sozialarbeiter, die sagten, dass sie mir helfen würden, schrieben lange Stellungnahmen für das Gericht, in denen sie behaupteten, dass ich nicht in der Lage bin, mich um meine Kinder zu kümmern. Sie haben nie mit mir selbst gesprochen und auch nie einen Dolmetscher hinzugezogen, damit ich mich in meiner Muttersprache Warlpiri verständigen kann.Eines der Kinder kam nach dem Tod der Eltern zu mir. Ich hatte ihnen vor ihrem Tod versprochen, dass ich mich um den Jungen kümmern werde. Er hatte jedoch Probleme damit, zur Toilette zu gehen, und das haben sie mir angelastet. Sie haben nicht verstanden, dass er schon sein ganzes Leben darunter leidet. Sie glauben, dass wir uns nicht genug um ihn kümmern. Sie glauben, dass wir ihn einschüchtern, aber er ist von Natur aus ein schüchterner kleiner Junge. Er hat den Tod seiner Eltern noch nicht verwunden. Ihn jetzt auch von uns wegzuholen, hat alles noch viel schlimmer für ihn gemacht.

Auch an der Schule begegnen Lehrer, von denen einige dieser Berichte stammen, unserer Familie mit Vorurteilen. Der Schuldirektor hat meinen Mann als „hoffnungslosen Fall“ beschrieben, obwohl er mehrere Kinder großgezogen und durch die Schule gebracht hat. Viele von ihnen sind heute erwachsen und haben selbst Kinder. Als ich diese Kinder großgezogen habe, hatte ich nie Probleme mit dem DCF. Die Behörde hat mir in der Vergangenheit sogar bestätigt, dass ich als Pflegemutter geeignet bin. Sie hat mir einen sechs Jahre alten, behinderten Jungen anvertraut. Ich habe diesen Jungen trotz vieler Herausforderungen erzogen, bis er ein junger Mann war.

DFC-Mitarbeiter verurteilen uns, weil wir Aboriginal People sind. Sie sagen, dass wenn Familienangehörige zu uns kommen, das Haus chaotisch sei und die Kinder deshalb keinen routinierten Tagesablauf hätten. Aber dieser Kontakt mit der Großfamilie ist wichtig für die Kinder. Sie lieben ihre Familie und sind jedes Mal glücklich, wenn sie sie sehen können. Es ist wichtig für die Identität von Warlpiri-Kindern, in einer Großfamilie aufzuwachsen.

Nachdem uns die Kinder weggenommen worden waren, waren sie in sieben verschiedenen Pflegestellen untergebracht. Das war natürlich unglaublich traumatisierend für sie. Sie haben geweint, als sie uns besuchten. Sie vermissen uns und wollen wieder bei uns leben, sagten sie. Sie haben uns auch erzählt, dass sie von ihren Betreuern geschlagen werden, dass sie hungrig sind und nicht genügend zu essen bekommen. Zudem haben die Betreuer von den Kindern verlangt, dass sie mich und meinen Partner nicht „Mutter und Vater“ nennen dürfen. Sie durften auch nicht über die Umstände in den Betreuungseinrichtungen sprechen.

Es wurde niemand aus meinem Familienkreis oder aus der Warlpiri-Gemeinschaft bei der Entscheidung einbezogen, was mit den Kindern geschehen soll. Ihnen wird, so lange sie in der Obhut des DCF sind, der Zugang zu ihrer Kultur, Sprache, Familie und zu ihrem Land verwehrt.

Als ich versucht habe, einen Rechtsanwalt zu finden, hat mir niemand geholfen. Offizielle Stellen sagten mir, dass sie mir nicht helfen könnten, da ich sowieso keine Chance hätte. Ich bin glücklich, dass ein Freund mir einen guten Anwalt vermitteln konnte, der sich nun des Falls annimmt. Der Richter konnte gar nicht glauben, was der DFC meinen Kindern angetan hat. Es sieht jedenfalls gut aus, dass wir sie bald wiederbekommen.

Das Verbrechen der „Stolen Generation“ ist uns in der Vergangenheit schon einmal passiert. Kinder wurden unserer Gemeinschaft entrissen und kamen erst als Erwachsene zu uns zurück. Sie waren verloren. Sie konnten ihre Sprache nicht sprechen und kannten ihre Familie nicht mehr. Das war alles sehr traurig.

Nun passiert all das wieder. Wir wollen nicht, dass unsere Kinder bei nicht-indigenen Menschen leben. Wir wollen sie bei uns haben, sodass sie ihre Sprache sprechen und Liebe und Unterstützung von ihrer Großfamilie erfahren können.

„Took the children away“*

Diese Geschichte ist richtig, diese Geschichte ist wahr
Ich würde euch keine Lügen erzählen
So wie die Versprechen, die sie nicht hielten
Sagten zu uns, kommt nehmt unsere Hand
Schickten uns weg ins Missionsland
Lehrten uns zu lesen, zu schreiben und zu beten

Dann nahmen sie uns die Kinder weg
Nahmen die Kinder weg
Die Kinder weg
Rissen sie von ihrer Mutters Brust
Sagten, es ist zu ihrem Besten
Nahmen sie weg

Eines dunklen Tages in Framingham
Sie kamen und scherten sich nicht
Meine Mutter schrie nach unserem Vater
Er kam angerannt, kämpfte wahnsinnig
Mutter liefen die Tränen runter
Vater stellte sich hin und behauptete sich
Er sagte: „Fasst ihr meine Kinder an, bekommt ihr es mit mir zu tun”

Und sie nahmen uns unserer Familie weg
Nahmen uns weg
Sie nahmen uns weg
Rissen uns von unserer Mutters Brust
Sagten, es sei zu unserem Besten
Nahmen uns weg

Sagten uns, was wir zu tun und zu sagen hatten
Brachten uns all das bei, was Weiße so machen
Dann teilten sie uns erneut auf
Und gaben uns Geschenke, um den Schmerz zu lindern
Schickten uns in Pflegeheime
Als wir älter wurden, fühlten wir uns allein
Weil wir weiß handelten
Aber uns Schwarz fühlten

Eines süßen Tages kamen alle Kinder zurück
Die Kinder kommen zurück
Die Kinder kommen zurück
Dorthin zurück, wo ihre Herzen stark wurden
Dorthin zurück, wo sie hingehören

* In seinem Lied „Took the Children away“ beschreibt der Musiker Archie Roach seine eigene Lebensgeschichte als Kind der Stolen Generation. Roach lebte mit seiner Familie – seine Mutter gehört der Gunditjmara-Nation an, sein Vater ist Bundjalung – in der Framlingham Aboriginal Mission, bevor er und seine Geschwister von den australischen Behörden in ein Waisenhaus gebracht wurden. In den Jahren danach wuchs er, getrennt von seinen Geschwistern, bei verschiedenen weißen Pflegefamilien auf. Als junger Erwachsener haute er ab und lebte einige Jahre auf den Straßen von Sydney. Sein Leben änderte sich, als er die Musikerin und seine spätere Frau Ruby Hunter kennenlernte. Gemeinsam begannen sie ihre Erlebnisse, mit Hilfe von Musik zu verarbeiten. „Took the Children Away“ ist der Haupttitel seines ersten Albums, der ihm nicht nur weltweiten Ruhm brachte, sondern auch mit einem Menschenrechtspreis ausgezeichnet wurde. In seinen Liedern spricht Roach bis heute über die schwierige Lage der Aboriginal People in Australien.

https://www.flickr.com/photos/variationblogr/7523020420

Figurengruppe in einem Museum in Melbourne, die symbolisch für die Stolen Generation steht. Foto: Travis via Flickr

Von Padraic Gibson Padraic Gibson ist Leiter einer Forschungsgruppe in Jumbunna im Indigenen Bildungszentrum der Technischen Universität von Sydney.

Die aktuelle Ausgabe der Zeitschrift „bedrohte Völker – pogrom“ trägt den Titel „Wir waren schon immer hier“. Geschichten, die erzählt werden müssen. Wir veröffentlichen ausgewählte Artikel zum „Hineinschnuppern“. Das vollständige Magazin gibt es im Online-Shop der GfbV.

Kategorien: Indigene Völker, International, Menschenrechte, Nichtdiskriminierung, Ozeanien
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